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  Jorg Maurer: Oberwasser. Alpenkrimi
 

Kein schöner (für Mafia) Land

„Wie lebst du in New York, wo es gar keine blühenden Orangenbäume gibt?“, sagte einmal ein alter sizilianischer Mafia-Don seinem kosmopolitischen Sohn. In Höllentalklamm gibt es auch keine blühenden Orangenbäume, trotzdem ist das Bergland von der Mafia auserwählt und einbelebt. Die Mafialeute führen hier ihre dunklen Geschäfte, verstecken die Leichen ihrer Feinde, lassen ihre verletzten Gangster in einer geheimen Klinik mitten in der Kurortlandschaft genesen und sich erholen. Kurz: Kein schöner Land in Mafiazeit.

Genau so erklärt uns Jörg Maurer die Sachlage in seinem neuen Alpenkrimi. Anhaltspunkt: Die Verschwendung von zwei BKA Coveragenten, die der Mafia auf der Spur waren. Die Suche nach den Verschwundenen wurde jedoch nicht den G-Männern, sondern dem Dorfpolizisten Hubertus Jennerwein beauftragt, der „mit ungewöhnlichen Methoden“ arbeitet, „aber er ist ein guter Mann“. Na ja, die Mafia alleine zu überlisten ist so gut wie unmöglich. Darum wird Kommissar Jennerwein durch ein Team der örtlichen Polizeibeamten verstärkt. Und um die Deckung der BKA-Aktivitäten zu erhalten, ist die Suchaktion getarnt als Jagd nach einem Gewaltlustigen Wilderer. Also, die ganze Sache wird zu einer Zwiebel: Schicht über Schicht. Und um den Lesern die kleinste Langseilensmöglichkeit hinterzulassen, Angesichts der Vermutung, dass nicht jeder oberbayrische Redensspezialitäten mag, ist die Alpenkrimigeschichte in noch eine Schicht eingehüllt: Das Geheimnis einer urseltenen Goldmünze mit kryptischen Zeichen, die irgendwo jenseits der Alpen (in Marokko) gefunden wurde und einen Numismatiker in die Kette unglaublicher Ereignisse verwickelt. Und dann kommen noch die Überraschungen.

Das Buch entsteht mit Witz und Spitz, wie ein Berg lächerlicher und dramatischer Missverständnisse, die zu einer logischen (welcher denn?!) Schlusslösung führen sollen. Aber bevor die Leser die Schlusserklärungen erfahren, sollen sie sich genug mit Bergbachsaroma sättigen und nicht wenig Adrenalin aus der Drüse herausspritzen lassen, weil Bergbach nicht nur schön, sondern auch extrem gefährlich sein kann.

Und dazu noch die Auftragskiller, die ihrem Opfer statt fünftausend Milligramm des tödlichen Gifts aus Versehen fünfhundert verabreichen können – oder aber auch genau umgekehrt.

Jedem, der die Erzählungsmanier von Jörg Maurer akzeptiert, bringt das Lesen pures Vergnügen. Die Manier ist jedoch nicht traditionell. Das liegt nicht unbedingt an den Dialektsätzen, die der Autor eher sparsam durchsetzt, sondern eher auf die Grenze zwischen Lächerlichem und Seriösem. Die Grenze ist nicht immer spürbar. Deswegen geraten die Leser ab und zu in die Fallen der Verarsche oder sogar in echte Fallen.

Interessant ist die Art der Psychologisierung der Handlung. Der Autor verrät uns niemals, wie Sinn und Seele der Personen funktioniert. Aber das das „Stillleben“ drumherum wird durch die persönliche Sicht der Personen gezeigt. So ragen die Berge über dem Kopf von einem Manager empor wie eine Graphik des Einkommens eines boomenden aber nicht stabilen Unternehmens. Dieselben Berge hinter dem Fenster einer Klinik scheinen wie die Temperaturgraphik eines Kranken mit galoppierendem Fieber. Weil die Sache mit dem gesuchten Wilderer als bayrische Komödie scheint, steckt der Autor (da er eigentlich Musikkabarettist ist) zwischen manchen Kapiteln die Textfetzen echter bayrischen Musikkomödie (echt witzig). Solche Kleinigkeiten machen das Buch noch frischer und origineller.

Ich vergebe dem Buch fünf Sterne und eine Leseempfehlung.
 


Eckdaten:

  • Broschiert: 400 Seiten
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 1 (23. Februar 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596188954
  • ISBN-13: 978-3596188956
Meine Bewertung: *****
 

 

 
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